Amazonen

Auch wenn es sich nach den Maßstäben der Wissenschaft wohl um eine Kultur der Menschen handeln mag, sind Amazonen in ihrem Wesen so andersartig wie Zwerge, Menschen oder Orks, so dass sie nicht als Menschen bezeichnet werden sollten.
Friedhelm Hansler, Völkerkundler

1. Friedliches Zusammenleben in der Heimat

Die Heimat der Amazonen von Eibland sind die Kupferberge, auch das Kupferland genannt, eine abgeschiedene Gegend im Norden der Insel. Nur wenige Reisende verirren sich hierher zufällig.

Um einen großen Dorfplatz herum stehen einzelne Blockhütten, die von den Frauen in kleinen Gruppen bewohnt werden. Weder die Hütten an sich noch ihre Einrichtung zeichnen sich durch großen Luxus aus, beides ist funktional, aber gut gearbeitet und gepflegt. Oft finden sich Bilder oder andere Kunstwerke aus fremden Gegenden, die die Amazonen von ihren Reisen mitgebracht haben. Überhaupt scheint ein gewisser Sinn für Schönheit allen Amazonen gemein.

In der Mitte des offenen Dorfplatzes steht eine riesige alte Eiche, unter der das größte Haus der Siedlung steht, das als Wohnstatt für die Jungfrau, die Mutter und die Alte und zugleich als Versammlungssaal dient, wenn das Wetter zu harsch ist, um eine Versammlung draußen abzuhalten.

Entgegen anders lautenden Gerüchten ist es bisher in dieser Generation erst in einem einzigen Winter, dem von 307 n.B., vorgekommen, dass ob der klirrenden Kälte und des Mangels an Feuerholz alle Frauen im Versammlungssaal überwintern mussten. In aller Regel garantieren die solide Bauweise der Hütten sowie große Feuerstellen in einer jeden von ihnen ausreichend Schutz vor jeder Witterung.

Die jungen Mädchen, deren endgültige Aufnahme in die Gemeinschaft noch bevorsteht, wohnen in einem eigenen Teil des Dorfes in einigen nahe zusammenstehenden Hütten. Diese Unterkünfte sind karger als die anderen und bestehen jeweils nur aus einem großen Raum, in dem sich alles Leben abspielt.

Zwei Hütten auf der landeinwärts gerichteten Seite des Dorfes dienen der Unterbringung von Gästen.

Die Herrin hat in Friedenszeiten die gleichen Rechte und Pflichten wie jede andere Schwester und nimmt von daher ihren Platz in einer der normalen Hütten wieder ein.

Die Kleidung der Amazonen ist nicht einheitlich. Eine jede mag tragen, was ihr gefällt, sofern es ihrer Aufgabe angemessen erscheint. Auf Strapazierfähigkeit wird jedoch im Allgemeinen geachtet. Jede Amazone hat ein Festgewand, zumeist ein einfach geschnittenes Kleid von leuchtender Farbe und aus gutem Stoff. Im Alltag bevorzugen Amazonen nicht selten Hosen gegenüber Röcken. Kriegerinnen wählen, außer enn sie sich durch Konventionen eines Landes, in dem sie zu Gast sind, dazu gezwungen sehen, eigentlich nie Röcke als Kleidung.

Für Reisen wählen Amazonen zumeist Gewandung, die nicht allzu auffällig ist, jedoch sind helle Farben als Zeichen der Rechtschaffenheit bevorzugt.

Reines Weiß ist allerdings den jungen Frauen, die noch nicht in die Gemeinschaft aufgenommen wurden, sowie Der Jungfrau vorbehalten.

Die Umhänge der Amazonen, insbesondere derer, die auf Reisen gehen, sind in dunklen Farben gehalten, von dunklem Grün bis hin zu schwarz. Denn wer weiß schon, wie oft es nötig sein mag, mit den Schatten der Nacht zu verschmelzen!

Rüstung wird in der Heimat nur dann angelegt, enn es wirklich notwendig erscheint. Im Kampf gegen Räuber und Söldner scheint dies jedoch immer öfter der Fall zu sein. Die Kriegerinnen bevorzugen dabei Lederrüstungen, da ihr Vorteil gegenüber Männern oft eher in der Schnelligkeit als der puren Kraft beruht. Schwerere Rüstung als Kettenhemden wird man nicht antreffen.

In der Wahl der Waffen haben die Amazonen freie Entscheidungsgewalt, zumeist wird man jedoch auf verschiedene Arten von Schwertern sowie Bögen stoßen. Nähere Beschreibungen dazu sollen an anderer Stelle folgen.

Doch brachte manche Kriegerin von Reisen in ferne Lande auch schon gar seltsame Waffen mit nach Hause.

Ein Zeichen ist jedoch allen Amazonen aus Eibland gemein.

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2. Eine Frage der Disziplin

Nun mag es dem Betrachter erscheinen, als wären kaum Regeln unter den Frauen vorhanden, als könnten sie tun und lassen, was sie wollten.

Dies ist nicht der Fall.

Amazonen besitzen ein großes Vertrauen ineinander, ein größeres, als Männer jemals aufbringen könnten, eswegen sie es auch nicht verstehen. Amazonen halten es für selbstverständlich, ihre Aufgaben zu erledigen und auch eigenständig dort anzupacken, wo gerade Hilfe vonnöten ist. In ihrer Ausbildung wird Wert darauf gelegt, dass sie ihre Grenzen erkennen, so dass sie innerhalb derselben ihre Entscheidungen selbstständig durchdenken und treffen können, ansonsten jedoch eine andere Amazone um Rat bitten. Ehrgeiz und Wettbewerb untereinander, der zu falschem Ratschluss oder sogar unfairen Mitteln im Erreichen eines Ziels führen mag, sind verpönt und so gut wie unbekannt. Dies könnte auch daran liegen, dass kaum Hierarchien vorhanden sind. Eine jede Schwester ird entsprechend ihrer in frühester Jugend erkannten Talente gefördert und keine steht dabei über oder unter einer anderen. Einzige Ausnahme bildet dabei die zukünftige Jungfrau, die von der amtierenden Jungfrau gewählt wird, während sie sich noch in den frühen Jahren ihrer Ausbildung befindet. Näheres dazu ebenfalls in einem anderen Kapitel.

Der Jungfrau, der Mutter und der Alten wird jede Ehre erwiesen. Vor ihnen neigt jede andere Schwester, einschließlich der Herrin, in Demut das Haupt. Die drei Personifikationen der Göttin stehen in engstem Kontakt zu Ihr, sind Ihr näher als selbst die Priesterinnen. Sie alle besitzen die Gabe des zweiten Gesichtes und es wird gesagt, sie könnten in ihrer Rechtsprechung nicht irren. Sie sind die höchste Instanz für alle Streitfälle sowie Probleme aller Art. Da alle drei eine unvergleichliche Autorität ausstrahlen, ist es in ihrer Gegenwart schwer, nicht bescheiden zu sein und zu gehorchen. Den Chroniken sind nur wenige Fälle bekannt, in denen eine Frau, geschweige denn ein Mann, die Kraft aufbrachte, einer von ihnen offen entgegenzutreten.

Ein wenig anders sieht es mit der Herrin aus. Die Herrin ist stets eine Kriegerin, die sich durch Mut und Geschick mindestens ebenso hervorgetan hat wie mit ihrer Einsicht und Milde. Sie wird von der Mutter ernannt und kann von ihr auch wieder entlassen werden. Auch in Friedenszeiten bleibt sie die Oberste der Kriegerinnen und ist dann für die kämpferische Ausbildung der jungen Mädchen verantwortlich. Jede Amazone zollt ihr Respekt, jedoch sind ihre Anweisungen nur in Kriegszeiten und auch dann nur in Abwesenheit der Mutter bindend. Zu jeder anderen Zeit mögen sich ihre Anweisungen als Ratschläge gestalten, die zum eigenen Vorteil von einer jeden angenommen werden können oder auch nicht. Da ihr Urteilsvermögen jedoch im Allgemeinen herausragend ist, sollte man sich gut überlegen, ehe man ihre Weisungen unüberlegt verwirft.
Über die Ausbildung der Amazonen

Die ganz jungen Mädchen wohnen in mehreren eng zusammenstehenden Hütten, den "Häusern der Töchter", am Rande des Dorfes. Sie sind dabei nicht nach Altersgruppen unterteilt, sondern es wird vielmehr darauf geachtet, dass in jedem Haus Mädchen unterschiedlichen Alters gemeinsam wohnen, so dass die jüngeren von den älteren lernen und die älteren Verantwortung für die jüngeren übernehmen können.
Bis etwa zu einem Alter von fünf Sommern haben die Kinder keine weitere Aufgabe, als zu helfen, die Hütte sauber zu halten, das Essen zu bereiten und ihre Kleidung in Ordnung zu halten. Ab dem fünften Sommer bekommen sie dann Unterricht. Dabei wird ein breitgefächertes Spektrum an Aufgaben abgedeckt, von Ackerbau über Lesen und Schreiben hin zur Pflanzen- und Heilkunde, von der Kunde alter Legenden und der Großen Zyklen - der Geschichte Niniels und ihrer Töchter - bis zum Umgang mit der Waffe. So bekommt ein jedes Mädchen einen Grundstock an Wissen in allen Dingen gelehrt, so kann aber auch getestet werden, wofür sich eine jede am besten eignet.
Der erste große Einschnitt im Leben einer jeden Amazone ist dann Nevrast, das Fest der ersten Mondblutung. Es ist nicht nur das Fest, an dem symbolisch die Kindheit für immer abgestreift wird, sondern zugleich der Tag, an dem ein jedes Mädchen die Häuser der Töchter verlässt. Am Abend des Festes wählen die vollen Amazonen sich eine Schülerin aus, die dann bei ihr im Haus wohnt. Zumeist gibt es dabei nur wenig Überraschungen, denn bei fast allen Mädchen ist klar, für welche speziellere Ausbildung sie sich am besten eignen und wer demnach die passende Lehrmeisterin ist. Nur selten stellt eine Amazone, deren Name nicht vorher schon bekannt war, die Forderung, ihr eines der Mädchen zur Ausbildung zu überlassen, und es ist noch von keinem Fall berichtet, in dem ein Mädchen sich weigerte, den ihr angebotenen Platz anzunehmen.
Zu dieser Zeit ihrer Ausbildung steht den Mädchen der Titel "Maiden Niniels" zu.
"Töchter Niniels" und damit vollwertige Amazonen erden die Mädchen meist im Alter von etwa 20 Sommern. Wenn die Lehrmeisterin feststellt, dass ihre Schülerin alles gelernt hat, was sie ihr beibringen kann, so gibt sie diese Botschaft der Ehrwürdigen Jungfrau weiter. Die Jungfrau wiederum verkündet beim Frühlingsfest die Namen all dieser Mädchen, segnet sie noch einmal im Namen der Göttin und schickt sie noch in derselben Stunde und ohne die Möglichkeit längeren Abschieds auf die Große Reise.
Immer bekommen die Maiden eine Aufgabe von der Jungfrau- ein Samenkorn eines heilkräftigen Baumes aus einer südlichen Gegend zu bringen oder etwas vom Wissen der Schamanen aus dem Norden zu erfahren, jedes Jahr etwas anderes - und immer werden sie verabschiedet mit den Worten: 'So vergesst niemals, dass Ihr Teil seid einer Gemeinschaft und kehrt zum Fest der Ernte zu uns zurück, auf dass die Göttin Niniel sehen möge, dass die Saat, die die Jungfrau gesät, nun gekeimt hat und gewachsen ist und dass die Frau nun der vollen Blüte gleicht. Dann wird die Mutter Euch, die sie als Maiden hat gehen lassen, als Ihre Töchter ieder aufnehmen. Doch jetzt geht, Maiden Niniels! Möge die Göttin Ihre Hand stets schützend über Euch halten!'

Nach diesen Worten verhüllt die Jungfrau ihr Gesicht als Zeichen der Trauer um die "verlorenen" Maiden und diese werden von ihren Lehrmeisterinnen, die ihnen schon ein Bündel geschnürt haben, bis zum Rand des Dorfes begleitet. Danach sind die jungen Frauen das erste Mal, wenn auch in einer Gruppe Gleichaltriger, auf sich alleine gestellt.
Gar manche von ihnen kamen in der Vergangenheit nicht zurück, ja, es wird berichtet, dass es Jahre gab, in denen kam keine einzige zurück und das Schicksal jener Maiden ist noch heute nicht geklärt. Doch der letzte Vorfall dieser Art ist nun schon länger als zwei Generationen vergangen und die Erinnerung daran verblasst.
Die meisten kehren zurück und von den wenigen, die es nicht tun, sind nicht alle tot, sondern viele leben und wählten das Leben an der Seite eines Mannes oder das Leben in der Stadt, anstelle eines Lebens in der Gemeinschaft. Diesen Mädchen wird nie ein Vorwurf gemacht, doch können sie ihre Entscheidung auch nie rückgängig machen. Und sollten sie auch in Zeiten höchster Not zu den Töchtern Niniels ins Dorf zurückkehren, so soll ihre physische Not nach Möglichkeit gemindert werden, doch soll ihnen nie das lebenslange Aufenthaltsrecht, welches anderen Frauen in Not zusteht, zugebilligt werden, denn sie haben sich bereits aus eigenem Willen dagegen entschieden.
Die jedoch nach erfolgreicher Ausführung ihrer Aufgabe zurückkommen, werden am nächsten Fest der Ernte, das für sie gleichzeitig das Fest Taras ist, feierlich von der Eidesmutter in den Kreis der Töchter Niniels aufgenommen. Damit sind sie vollwertige Amazonen.



Letzte Änderung am 18.9.2011 um 09:34:42 Uhr von boronk

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