Geschichte vom Schattenkind

Sereano, der Geschichtenerzähler
Es gibt immer wieder Leute, die berichten, dass irgend etwas spurlos verschwunden ist und dann gibt es die Leute, die diesen sagen, dass sie nur unordentlich sind und es verloren haben.

Ich kenne noch eine weitere Variante dieses Problem und ich weiß auch, dass viele mir nicht glauben werden, aber ich erzähle nur, was ich gehört habe. Ob es wahr ist oder nicht, möge doch jeder für sich selbst entscheiden.

Erzählen will ich die Geschichte vom kleinen Joschua. Er war ein netter, höflicher Junge, keine zehn Jahre alt.

Eines Tages schickte ihn sein Vater mit einer kleinen Truhe zu einem Nachbarn, der eine Stunde Fußmarsch von Haus entfernt wohnte. Fröhlich sprang der kleine Junge durch den Wald. Weil er diese Aufgabe hatte, musste er nicht auf dem Feld mitarbeiten und konnte sich ein wenig ausruhen. Lustig trällernd folgte er dem Lauf des kleinen Flusses, bis er zu einer großen Lichtung kam, dort hatte der Bach auch noch ein kleines Becken gefüllt. Joschua ging hin, um seine Füße ein wenig zu kühlen. Er stellte die Kiste an den Rand des Beckens und stieg vorsichtig in das kalte Wasser.

Er lief ein wenig auf und ab, als er sich wieder zu seinem Trühchen umdrehte, war es verschwunden und aus den Augenwinkeln heraus sah er eine Gestalt hinfort huschen. Er drehte den Kopf, um sie besser zu sehen, doch da war nichts.

Plötzlich patschte das Wasser ein wenig entfernt von ihm und er erschrak.

Ein weiteres Patschen, das Wasser bewegte sich, aber da war nichts, was dieses Patschen verursacht haben könnte. Er sah sich um, ob jemand da war, der Steine warf, aber da war niemand.

„Komm raus, ich weiß, dass du da bist!"

Ein leises Lachen drang an sein Ohr.

„Lach mich nicht aus!", rief er trotzig, „Und gib mir meine kleine Truhe wieder!"

Wieder ein Lachen, dieses Mal weiter weg. Es war der einzige Anhalt und so folgte ihm Joschua, so schnell er konnte. Immer wieder sah er sich um und immer wieder huschte etwas weg, aber nie konnte er es sehen.

Irgendwann stand er im Wald. Um ihn herum war es still, er war allein, was sollte er tun? Jemand hatte ihn bestohlen und konnte noch nicht einmal sagen, wer oder wie derjenige ausgesehen hatte. Joschua bekam es mit der Angst zu tun, er rief durch den Wald und suchte, aber fand nichts.

Sein Vater würde ihn bestimmt umbringen oder ihn zumindest windelweich schlagen! Was sollte er nur tun? Die Zeit verrann und langsam wurde es dunkel.

Auf einmal hörte er ein Rufen, es war einer seiner Brüder, scheinbar suchten sie ihn schon. Was sollte er tun? Er kämpfte mit sich, aber schließlich entschloss er sich, nach Hause zu gehen.

„Ich bin hier!", rief er laut und lief seinem Bruder entgegen.

„Wo warst du? Wir haben uns Sorgen gemacht, als du nicht zurück gekommen bist. Ich bin froh, dass du nicht verschwunden bist."

Schweigend gingen sie nach Hause und Joschua hatte immer wieder das Gefühl, dass da irgend etwas war und sah sich um, aber wie immer war da nichts. Schließlich betraten sie das elterliche Haus und der Vater wollte wissen, wo er gewesen war und ob er die kleine Truhe abgegeben hatte. Der kleine Junge erzählte alles, was er wusste, aber sein Vater glaubte ihm nicht.

„Mika, bring mir den Stab!", befahl er Joschuas Bruder, welcher sich sofort auf die Suche danach machte. Es dauerte, aber er kam nicht zurück. Langsam wurde der Vater sauer, als die Mutter den Kopf aus der Küche herausstreckte.

„Der Stab ist nicht hier. Mika sucht schon überall, aber an seinem Platz ist er nicht."

„Dann findet ihn! Und du, Joschua, gehst erst mal raus in den Stall und mistest ihn aus, bis ich dich wieder rufe!"

Gehorsam lief der kleine Junge hinaus und begann, das Streu und den Kot zwischen den Kühen, Schafen und Ziegen herauszuholen.

Da auf einmal hörte er wieder dieses leise Lachen und sah sich um, doch niemand war da.

„Ich weiß, dass du hier bist. Danke, dass du auch den Stab genommen hast. Ich weiß zwar nicht, wer du bist, aber trotzdem danke."

Das Lachen verstummte und aus dem Augenwinkel heraus sah er dieses Mal ein Kind. Dieses mal drehte er sich nicht und gab sich auch Mühe, nicht direkt hinzuschauen. Es war ein Mädchen, total verlottert und verdreckt. Es sah ihn an und es schien eine Träne aus ihren Auge zu laufen. Joschua wollte sie trösten, aber als er sich zu ihr drehte, um sie anzusehen, war sie wieder verschwunden.

„Wo bist du? Nicht weinen! Ich weiß ja, dass du es nicht böse meinst, aber könntest du bitte die Truhe zurückgeben? Ich wäre dir immer dankbar."

So sehr sich Joschua auch anstrengte, er sah das Mädchen nicht mehr und fuhr schließlich fort, weiter den Stall auszumisten.

„Joschua!", hörte er seinen Bruder rufen, „Komm sofort ins Haus!"

Er schluckte, nun würde die Bestrafung erfolgen. Schweren Herzens machte er sich auf den Weg, seine Füße wurden immer schwerer je näher er dem Haus kam. Er putzte sich die Schuhe ab und sah, wie der Vater sich die Nase mit einem Tuch hielt, welches leicht rot gefärbt war.

„Was ist passiert?", fragte Joschua erschrocken.

„Ich habe die Kiste gefunden, als ich über sie fiel, sie war in unserem Schlafzimmer. Kannst du mir erklären, wie die da hin gekommen ist?"

In diesem Moment betrat die Großmutter das Haus und hörte sich die Geschichte von Joschua noch einmal an. Dieses Mal erzählte er auch, dass er ein Mädchen im Stall gesehen hatte. Die Großmutter lächelte und bekam dann ein ernstes Gesicht.

„Ein Schattenkind."

Der Vater sah sie mit großen Augen an.

„Ein was?"

„Nun, es gibt eine alte Legende, nach der Kinder, welche nicht beachtet werden, langsam verschwinden und doch noch da sind. Wir können sie nicht sehen, weil wir sie nicht kennen oder uns nicht an sie erinnern. Aber sie sind immer da und können alles berühren und tun, was sie wollen. Am Anfang sind es kleine Streiche, die aber immer schlimmer werden. So nehmen sie Rache an denen, die sie immer geärgert haben. Bis sie entweder genug haben und gehen oder vertrieben werden. Nur in ganz seltenen Fällen verlässt ein solches Kind die Schatten wieder. Manchmal nehmen sie auch einfach Dinge weg, aber es ist ungewöhnlich, wenn sie diese zurückbringen."

Alle sahen Großmutter erstaunt an.

„Und wie kann es wieder aus den Schatten kommen?"

Die Großmutter lächelte den kleinen Joschua an.

„Man muss sie beim Namen nennen, dann sind sie nicht mehr vergessen und verlassen die Schatten wieder. Oder man schenkt ihnen sehr viel Aufmerksamkeit."

„Aber wie soll man den Namen finden, wenn er vergessen ist?"

„Suchen, kleiner Joschua, suchen und ihn irgendwann finden."

So wurde mir die Geschichte erzählt, leider weiß ich nicht, wie sie ausgegangen ist, aber es soll auch Menschen geben, die diese Schattenkinder vertreiben, die sogenannten Schatten- oder Geisterjäger. Einen solchen habe ich noch nie getroffen, um ihn zu fragen, wie er diese Schattenkinder sieht. Weil man muss etwas doch sehen, um es zu jagen. Vielleicht begegne ich irgendwann mal Einem...



Letzte Änderung am 18.9.2011 um 07:38:23 Uhr von boronk

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